SinnZENTRUM Salzburg, Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Philosophische Gesprächsrunde am 11.6.2015

Martin Buber: Liebe und Verantwortung

Im Juni 2004 schenkte mir ein Freund ein kleines Buch mit dem Titel Martin Buber im Gespräch mit Gott und den Menschen. Ich habe seither nie das ganze Buch gelesen, wohl aber eine besondere Geschichte daraus immer wieder. Es handelt sich um eine autobiographische Szene, die Buber 1929 in seiner Schrift Zwiesprache unter dem Titel Eine Bekehrung veröffentlichte.
Er beschreibt darin die Begegnung mit einem ihm unbekannten jungen Mann, der ihn eines Morgens nach einem emotionalen, religiösen Erlebnis besuchte. Wie sich später herausstellte, war dieser in einer Stunde der Verzweiflung und Entscheidung zu ihm gekommen. Dessen wurde Buber jedoch nicht in seiner ganzen Reichweite gewahr, weil er den Gast zwar mit freundlichem Entgegenkommen, aber „ohne mit der Seele dabei zu sein“ (Buber, 1994, S. 158), empfing. Die durch dieses Ereignis eingeleitete Wandlung hat er mit folgenden Worten beschrieben: „Seither habe ich jenes »Religiöse«, das nichts als Ausnahme ist, Herausnahme, Heraustritt, Ekstasis, aufgegeben oder es hat mich aufgegeben. Ich besitze nichts mehr als den Alltag, aus dem ich nie genommen werde. Das Geheimnis tut sich nicht mehr auf, es hat sich entzogen oder es hat hier Wohnung genommen, wo sich alles begibt wie es sich begibt. Ich kenne keine Fülle mehr als die Fülle jeder sterblichen Stunde an Anspruch und Verantwortung. Weit entfernt ihr gewachsen zu sein, weiß ich doch, daß ich im Anspruch angesprochen werde und in der Verantwortung antworten darf, und weiß, wer spricht und Antwort heischt.“ (Buber, 1994, S. 158, 159).
Dieser Text hat mich über die Jahre immer wieder sehr beeindruckt. Da in unserer Zeit häufig dem Herausragenden und Außergewöhnlichen große Bedeutung beigemessen wird, mutet es sonderbar an, dass Buber im gewöhnlichen Alltag, dem ganz 'Normalen', das sucht, was für ihn menschliches Sein in seiner ganzen Tiefe ausmacht.
In seiner Schrift Ich und Du unterscheidet Buber zwei Möglichkeiten, mit der sich der Mensch auf die ihn umgebende Umwelt beziehen kann. Diese beiden Möglichkeiten bindet er an die Wortpaare 'Ich-Es' und 'Ich-Du'.

1. Das Grundwort Ich-Es

Die Beziehung des Ich zu einem Es meint die Welt der Erfahrung. Wie Buber am Beispiel eines Baumes beschreibt, sagt uns die Erfahrung z. B. etwas über Farbe, Form und Bewegung des Wahrgenommenen. Auch die Vorgänge des Kategorisierens und das Erkennen der Gesetzmäßigkeiten, nach denen dieser Baum gedeiht, gehören in die Es-Welt. Das 'Etwas' der Wendungen 'Ich stelle mir etwas vor', 'Ich will etwas', 'Ich fühle etwas',' Ich denke etwas' deutet auf den Inhalt unserer Erfahrungen hin. Wie diese Zeitwörter zeigen, macht es keinen Unterschied, ob es sich um die Erfahrung der äußeren Welt oder eigener seelischer Vorgänge handelt. Wesentlich ist für Buber die Tatsache, dass die Erfahrung 'im Menschen' verbleibt oder wie er es umgekehrt formuliert: „Der Erfahrende hat keinen Anteil an der Welt.“ (Buber, 1994, S. 9).

2. Das Grundwort Ich-Du

Die Beziehung zu einem Du ist von der Beziehung zu einem Es grundsätzlich zu unterscheiden. Durch die Unmittelbarkeit dieser Seinsweise entschwindet dem Menschen in diesen Momenten jede bewusste Erfahrung. In seinen Schriften versucht Buber (1994, S. 15) sich diesem Phänomen sprachlich anzunähern: „Zwischen Ich und Du steht keine Begrifflichkeit, kein Vorwissen und keine Phantasie; und das Gedächtnis selber verwandelt sich, da es aus der Einzelung in die Ganzheit stürzt. Zwischen Ich und Du steht kein Zweck, keine Gier und keine Vorwegnahme;“. Am schönsten verdeutlicht er die Ich-Du Beziehung in den folgenden paradox anmutenden Worten:
– Was erfährt man also vom Du?
– Eben nichts. Denn man erfährt es nicht.
– Was weiß man also vom Du?
– Nur alles. Denn man weiß von ihm nichts Einzelnes mehr. (Buber, 1994, S. 15).
Vor dem Hintergrund dieser Worte wird es verständlich, dass die Kategorien von Raum, Zeit und Kausalität für die Ich-Du Beziehung keine Bedeutung haben. Sie ist etwas, dass dem Menschen aus „Willen und Gnaden in einem“ (Buber, 1994, S. 11) eher passiert, als dass es durch einen Willensakt allein herbeigeführt werden könnte. Nach Ablauf dieser Art von Beziehung wird das Du wieder zu einem Es, das der Welt der Erfahrung angehört.

In seinen Gedanken zur Liebe hat Buber darauf hingewiesen, dass sie die Beziehung zum Du in der beschriebenen Form hervorbringt. Darüber hinaus ist für ihn die Liebe unmittelbar mit dem Begriff der Verantwortung verbunden: „Liebe ist die Verantwortung eines Ich für ein Du: hierin besteht, die in keinerlei Gefühl bestehen kann, die Gleichheit aller Liebenden, ...“ (Buber, 1994, S. 19). Gefühle sind eine Begleiterscheinung der Liebe, die der Welt des Es zuzuordnen sind (ich fühle etwas). Sie ändern sich je nach Art der Liebesbeziehung und sind 'im Menschen', die Liebe als Verantwortung ist jedoch immer die Gleiche und 'zwischen' dem Ich und dem Du.

Literatur

Buber, M. (1994) Das dialogische Prinzip. Ich und Du/ Zwiesprache/ Die Frage an den Einzelnen/ Elemente des Zwischenmenschlichen. Gerlingen.

 

9. Juni 2015          oliver beihammer